HINTER DEN KULISSEN

Eine andere Welt

Die Arbeit blinder Darstellender in der Apple TV+-Serie „See“.

Nicht ein einziges Mal ist ist Joe Strechay in der neuen Serie „See – Reich der Blinden“ auf Apple TV+ zu sehen – und doch trägt jede Szene seine Handschrift.

Als Co-Produzent und Blindness Consultant für die Serie sorgte Strechay dafür, dass die Welt von „See“ die Wahrnehmung blinder Menschen so realistisch wie möglich widerspiegelt.

Zahlreiche blinde oder sehbehinderte Darstellerinnen und Darsteller spielen in der aus acht Episoden bestehenden Serie mit. Sie erzählt die Geschichte einer Zivilisation in ferner Zukunft. Ein tödliches Virus hat grosse Teile der Weltbevölkerung ausgelöscht und die Überlebenden erblinden lassen.

Foto: Hera Hilmar als Maghra, Jason Momoa als Baba Voss.

Jason Momoa spielt Baba Voss, Stammesoberhaupt und Vater von Zwillingen, die mit einer nunmehr mythischen Fähigkeit geboren wurden – sie können sehen. Sie und seinen Stamm muss er vor einer feindlich gesinnten Königin schützen. Daraus entspinnt sich eine Geschichte um Liebe, Familie und das nackte Überleben. Auf Apple TV+ ist „See“ mit einer Audiobeschreibung in neun Sprachen verfügbar, die wiedergibt, was im Bild passiert.

Strechay hat die Serie massgeblich beeinflusst – von kreativen Aspekten, wie etwa Änderungen am Drehbuch, bis hin zum Coaching der Darstellenden während des Drehs. Wir haben mit ihm über diese Aufgaben gesprochen und erfahren, warum die Arbeit an „See“ eine einzigartige Erfahrung für ihn war.

Oberes Foto: Chefproduzent Dan Shotz und Co-Produzent Joe Strechay während der Dreharbeiten für „See“. Unteres Foto: Jason Momoa als Baba Voss.

Die Rollen in See wurden sowohl mit blinden als auch mit sehenden Darstellenden besetzt. Wie haben Sie den Nicht-Blinden geholfen, ihre Figuren so wirklichkeitsnah wie möglich darzustellen?
Die nicht blinde Besetzung absolvierte vor den Dreharbeiten ein langes Training, und während des Drehs haben wir sie weiter betreut. Das Training sollte ein Bewusstsein dafür vermitteln, wie anders blinde Menschen die Welt wahrnehmen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler erlernten Techniken, die Blinde anwenden, um im Alltag unabhängig zu sein.

Sie werden zwar nie wissen, wie es ist, blind zu sein, aber sie verstehen es jetzt auf jeden Fall besser und haben die Fähigkeiten erworben, es authentisch darzustellen. Die sehende Besetzung bekam Schlafmasken und probte, ohne sich auf das eigene Sehvermögen zu verlassen. Wir haben viel in grossen, dunklen, hallenden Räumen trainiert, aber auch im Freien – denn ein Grossteil der Serie spielt ja draussen.

Alles, was Sie in der Serie sehen, hat einen Zweck. Und alles geht von der Frage aus, wie eine Welt beschaffen wäre, die ganz auf blinde Menschen ausgerichtet ist.

Wie war es, an einer Serie zu arbeiten, in der fast alle Figuren blind sind?
An einer solchen Fernsehsendung habe ich noch nie mitgearbeitet. Blinde oder sehbehinderte Menschen waren als Stunt-Doubles, als Statistinnen und Statisten und als Hauptdarstellende beteiligt. Normalerweise werden diese Personen nur für blinde Charaktere gecastet und bekommen gar keine anderen Rollen. Sie spielen also fast ausschliesslich Figuren, die Hilfe benötigen oder krank sind.

In unserer Serie stellen wir all das auf den Kopf. Hier gibt es blinde Figuren, die Bösewichte sind, Vorbilder, Eltern, Menschen, die sich lieben, die sinnlich sind. Man erlebt Charaktere mit so vielen Facetten, die wir von blinden Rollen im Fernsehen nicht gewohnt sind.

Das ist etwas ganz Besonderes, und es spiegelt im Übrigen wider, was ich im Alltag erlebe. Ich habe blinde Freundinnen und Freunde, die im Handwerk tätig sind, Berge besteigen oder Köche beziehungsweise Köchinnen sind. Trotzdem tauchen Leute wie wir bislang nicht im Fernsehen auf.

Foto: Joe Strechay im Gespräch mit Jason Momoa und Regisseur Anders Engström am Set von „See“.

Wie haben Sie die Welt von „See“ mitgestaltet?
Diese Welt ist eine fiktive Zivilisation von Menschen, die seit Generationen blind sind. Die Gesetze oder Normen, die bestimmen, wie unsere Städte und Häuser heute aufgebaut sind – Normen, die voraussetzen, dass Menschen sehen können – existieren nicht mehr. Deshalb sind die Umgebungen in der Serie anders gestaltet.

Beispielsweise haben die Darstellenden Kostüme an, die bei Bewegung unterschiedliche Geräusche machen. Das hilft blinden Menschen, sich gegenseitig zu erkennen. Solche Details werden von Sehenden gerne übersehen.

Strukturen und Seile helfen blinden Menschen beim Navigieren. An verschiedenen Orten und Kreuzungen sind Windspiele angebracht. Schnitzereien und Totems an den Wohnorten der Figuren zeigen den anderen, wer wo lebt.

Alles, was Sie in der Serie sehen, hat einen Zweck. Und alles geht von der Frage aus, wie eine Welt beschaffen wäre, die ganz auf blinde Menschen ausgerichtet ist. Es gibt nichts, was überflüssig wäre.

Sie werden zwar nie wissen, wie es ist, blind zu sein, aber sie verstehen es jetzt auf jeden Fall besser und haben die Fähigkeiten erworben, es authentisch darzustellen.

Welche Apps haben Sie bei der Produktion der Serie genutzt?
Am Set habe ich zahlreiche Skripte überarbeitet. Ich hörte sie mir mit dem Voice Dream Reader und VoiceOver an. Die Leute fragten nach, welche App das denn sei, und nutzten sie dann irgendwann selbst – auch Nicht-Blinde. Sie hören sich damit Texte an, wenn sie Auto fahren oder anderweitig beschäftigt sind.

Eines Tages übte Jason Momoa am Set den Haka-Kriegstanz, den die Figuren vor einem Kampf vollführen. Ihm fiel auf, wie schnell das iPhone die Skripttexte vorlas. Es erinnerte ihn an die Speed-Metal-Musik, die er selbst hört. Er nahm daraufhin Kontakt zu einer Speed-Metal-Band auf, die mit ihm zusammen einen schnelleren Haka entwickelte.

Foto: Jason Momoa als Baba Voss.

Nutzen Sie im Alltag noch andere Apps, die Sie empfehlen würden?
Bei Speisekarten und Geschäften in meiner Nähe lasse ich mir von BlindSquare helfen. Mit Aira erreiche ich Servicepersonal, das für die Unterstützung blinder Menschen ausgebildet ist und mir dann über die Kamera oder den GPS-Standort meines iPhone assistiert. Das ist zwar ein Bezahldienst, aber fünf Minuten sind jeweils kostenlos. Ausserdem nutze ich die kostenlose App Seeing AI. Sie erkennt kurze Texte und gedruckte Dokumente mit meiner iPhone-Kamera und liest sie per VoiceOver vor.

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