KREATIVE KÖPFE

Die Zukunft von Pokémon

Ein Ausblick von The Pokémon Company-Gründer Tsunekazu Ishihara.

Die geheimnisvollen Kreaturen, die wir als Pokémon kennen, haben sich seit der Veröffentlichung der ersten Pokémon-Spiele am 27. Februar 1996 ständig weiterentwickelt und sind dabei ihren Videospiel-Wurzeln stets treu geblieben.

Tsunekazu Ishihara, Präsident, Geschäftsführer und Gründer von The Pokémon Company, ist seit der Entstehung vor 30 Jahren maßgeblich an Pokémon beteiligt und treibt kontinuierlich Innovationen voran. Die App Store-Redaktion spricht mit ihm über die Geschichte des Franchise und wie er plant, Pokémon und die Menschen noch näher zusammenzubringen.

Pokémon in der echten Welt

Ishihara ist ein Mitbegründer von Creatures Inc., einem der ursprünglichen Rechteinhaber von Pokémon. 1998 gründete er The Pokémon Company, die zunächst nur Pokémon Center-Geschäfte betrieb – die Geschäftsidee war, die Pokémon Center aus dem Spiel in der realen Welt zum Leben zu erwecken. Seit dem Jahr 2000 ist das Unternehmen neben der Veröffentlichung von Plüschtieren und anderen Merchandise-Artikeln auch für die Lizenzierung und die Aufsicht über Pokémon-bezogene Produktionen verantwortlich.

„Ich war schon immer davon überzeugt, dass die Verbindung der Welt von Pokémon mit der realen Welt noch aufregendere Möglichkeiten eröffnet“, sagt Ishihara.

„Die Schauplätze der Pokémon-Spiele waren zunächst die Kanto-Region, gefolgt von Johto und dann Hoenn, die alle dem realen Japan nachempfunden sind. Das Spiel sollte ein Abenteuer sein, dessen Welt dem eigenen Leben der Spieler:innen ähnelt.“

Bei der Konzeption von Spielwelt, Terrain und Umgebungen überlegte das Team, welche Pokémon an welchen Ort gehören und wie das Abenteuer der Spieler:innen aussehen sollte. Für viele knüpft das Spielerlebnis auch an Erfahrungen aus dem echten Leben an – sei es Insektenfangen, Angeln, Haustierpflege oder Gartenbau.

Die Verbindung der Welt von Pokémon mit der realen Welt eröffnet noch mehr aufregende Möglichkeiten.
– Tsunekazu Ishihara

„Nach und nach wurde uns klar, dass sich vielleicht auch Menschen aus anderen Ländern mit denselben Erfahrungen identifizieren können, was schließlich zur weltweiten Expansion der Reihe führte. Immer mehr reale Orte und visuelle Referenzen fanden ihren Weg ins Spiel und mit ihnen auch Pokémon, die dort zu Hause sind.“

Um die reale Welt noch stärker einzubinden und dem Franchise mehr Wettbewerbscharakter zu verleihen, ließ sich das Team das Pokémon-Sammelkartenspiel einfallen. Es folgten Anime-Serien und -Filme, um das Pokémon-Erlebnis auch mit Fans zu teilen, die die Spiele nicht spielen. „Pokémon näher an die reale Welt heranzubringen, ist für mich eine unglaublich spannende Herausforderung“, sagt Ishihara.

Pokémon, ein globales Phänomen

Dass Pokémon fest in der Realität verankert ist, ist ein wesentlicher Grund für den Erfolg. Jede Kreatur besitzt eine sorgfältig ausgearbeitete Identität mit klar definierten Eigenschaften wie Größe, Gewicht, Verhalten und Entwicklungsbedingungen, wodurch eine reichhaltige und glaubwürdige Welt entsteht.

Gleichzeitig lässt das Franchise auch Raum für mutige Ideen und Kreativität. „Als wir beschlossen, den Anime zu produzieren, fragte der Regisseur: ‚Welche Geräusche machen Pokémon eigentlich?‘ Worauf ich antwortete: ‚Pikachu sagt zum Beispiel einfach nur Pika, oder?‘“, erinnert sich Ishihara. „Einfach so entstanden spontan neue Ideen, und ich glaube, das ist der Grund, warum das Franchise in so vielen verschiedenen Bereichen erfolgreich sein konnte.“

Die zunehmende Verbreitung von Pokémon-Apps und -Spielen auf iPhone und iPad in Ländern und Regionen, in denen Spielkonsolen weniger verbreitet sind, war ein weiterer entscheidender Faktor für die globale Expansion.

Pokémon GO, verfügbar für iPhone und iPad, wurde über Nacht zur weltweiten Sensation.

Ishihara zufolge war die Veröffentlichung von Pokémon GO im Jahr 2016 „ein totaler Game-Changer“.

„In der frühen Entwicklungsphase von Pokémon GO hatten wir dieses riesige Designdokument, das vollgepackt war mit allen möglichen Ideen. Aber uns wurde klar, dass das Spiel dadurch wahrscheinlich so kompliziert werden würde, dass es am Ende niemand spielen würde.“

Also reduzierte das Team alles auf das Konzept, Pokébälle zu werfen, um in der realen Welt Pokémon zu fangen – die erste Version des Spiels war geboren. Spieler:innen erkundeten auf der Jagd nach Pokémon unbekannte Orte und brachten von ihren Auslandsreisen regionale Pokémon mit. Damals war das etwas völlig Neues, und es war nur dank der verbesserten GPS-Genauigkeit und der weiten Verbreitung kompatibler Smartphones möglich.

Dank Ishiharas Vision blieb Pokémon GO ein einfaches Konzept, das auch für Menschen ohne Gaming-Erfahrung zugänglich ist und so eine neue Zielgruppe anspricht, die mit der Pokémon-Reihe bisher nicht vertraut war.

Die Höhen und Tiefen bei der Entwicklung neuer Spielkonzepte

Vor allem aber, erzählt Ishihara, genießt er den Moment, eine völlig neue Gameplay-Idee zu entdecken – zum Beispiel Pokémon punktgenau per GPS-Technologie zu fangen.

Im AR+-Modus von Pokémon GO erscheinen Pokémon außerdem so, als wären sie direkt in der echten Welt unterwegs – und bereit, gefangen oder fotografiert zu werden.

Auf die Frage nach Technologien, die die Welt von Pokémon in Zukunft bereichern könnten, interessiert sich Ishihara am meisten für Geräte, die einfach zu bedienen und hochgradig interaktiv sind. „Wenn die Technologie zur räumlichen Erfassung ausgereifter ist, können wir vielleicht eine Welt erschaffen, in der Pikachu selbst aus der Ferne direkt vor dir auf den Tisch springen könnte.“ Doch die virtuellen Welten, merkt er an, könnten auch der physischen Welt weichen.

„Wenn wir zum Beispiel Pikachu durch eine AR-Brille zum Leben erwecken, würde das viele Leute zunächst ziemlich begeistern. Aber wenn man diese Idee zu oft umsetzt, glaube ich, dass sie irgendwann langweilig wird. Ich glaube, es würde den Leuten mehr Spaß machen, in der echten Welt herumzulaufen, etwas ins Schwitzen zu kommen oder mit einem Pokémon spazieren zu gehen, das vielleicht sogar etwas eigensinnig ist und nicht immer auf sie hört.“

Das Streben nach Realitätsnähe bringt auch einige Herausforderungen mit sich. Ishihara nennt das Beispiel eines Kindes, das sich einen Anime ansieht, in dem Ash und Pikachu ein Abenteuer erleben, und dann mit einem Pikachu-Plüschtier im Arm einschläft.

„Wenn ein Kind davon träumt, mit Pikachu ein Abenteuer zu erleben, kann dieser Traum für das Kind zu einer sehr realen Erfahrung werden. Und wenn ich diese Fantasie dann damit vergleiche, wie wir in der Realität mit Pokémon interagieren können, frage ich mich, ob der Traum des Kindes nicht eigentlich die bessere Erfahrung ist.

„Was das Erlebnis angeht, glaube ich, dass die Fantasie, die durch die Anfänge des Animes entfacht wurde, oder auch ein Sieg im Pokémon-Sammelkartenspiel mit einem feuerspeienden Glurak vielleicht einfach wirkungsvoller ist. Selbst wenn man einen Pokémon-Kampf direkt vor Augen hat, der in wunderschöner 3D-Grafik dargestellt wird, bin ich mir nicht sicher, ob man dieses Erlebnis unbedingt als wirklich ‚echt‘ bezeichnen kann.“

Im Zentrum der Bemühungen, sowohl die reale als auch die virtuelle Welt zu bereichern, steht für Ishihara die Frage, wie er in diesen Welten neue Erlebnisse schaffen kann. Der Schlüssel, so sagt er, liegt darin, offen dafür zu sein, dass die Antwort nicht immer auf der Hand liegt.

Wir müssen auch weiterhin Spiele entwickeln, die einfach Spaß machen. Es ist okay, wenn sich alles andere ändert.
– Tsunekazu Ishihara

Ishihara blickt in die Zukunft und teilt seine Vision für das, was uns erwartet. Und alles läuft dabei auf einen einzigen, alles entscheidenden Grundsatz hinaus.

„Ich glaube, wir müssen auch weiterhin unterhaltsame Spiele entwickeln. Das mag abstrakt klingen, aber letztendlich kommt es nur darauf an, ob die Leute unsere Spiele spielen und sie ihnen Freude bereiten. Das ist nichts, was wir vorschreiben können. Dieses Ziel zu erreichen ist das, was zählt – alles andere kann sich ändern.“

Aus den ursprünglich 151 Pokémon sind inzwischen mehr als 1.000 geworden. Das Tempo, in dem neue Arten hinzukommen und die Kategorien vielfältiger werden, ist heute ein ganz anderes als noch vor 30 Jahren. Und auch der individuelle Charakter jedes einzelnen Pokémon wird heute noch lebendiger dargestellt. „Ich finde, dass unser Weg in Zukunft darin bestehen sollte, Pokémon als komplexe, vielfältige Lebewesen darzustellen“, so Ishihara.

Abschließend hat er für die vielen Pokémon-Fans auf der ganzen Welt folgende Botschaft:

„In den letzten 30 Jahren hat sich Pokémon Hand in Hand mit dem technologischen Fortschritt weiterentwickelt. Und ich finde, die Spiele und Tools, die wir im Laufe der Zeit entwickelt haben, haben sich bestens bewährt. Ich bin zuversichtlich, dass alle in der Zukunft von Pokémon etwas finden werden, das sie begeistert. Und zu guter Letzt: Verpasst auf keinen Fall die diesjährigen Pokémon-Weltmeisterschaften und das PokémonXP-Event in San Francisco, USA!“


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